
Die Holzkirchen in
den Karpaten haben eine über tausend Jahre alte Bautradition,
die bis in unsere Zeit reicht. Allein auf dem Gebiet der Ukraine
befinden sich über 1800 Objekte, die in ihrer Vielfalt und
ihrer Typologie die Geschichte dort lebender unterschiedlicher
ethnischer Gruppen widerspiegeln.
Wer einmal in den Karpaten war, weiß, was die Holzkirchen für das Landschaftsbild dieses Waldgebirges bedeuten, das sich im Südosten Europas in weitem Bogen durch sechs Länder zieht: Tschechien, Slowakei, Polen, Ungarn, Rumänien und die Ukraine. Das unverwechselbare Bild dieser volkstümlichen Bauten mit ihren gestaffelten Turmgruppen, kleinteiligen Schindeldächern und schützend die Wände umschließenden Umgängen prägt sich ein. Bei aller Vielfalt, die das Ergebnis unterschiedlicher regionaler Traditionen und liturgischer Erfordernisse ist, haben sie doch eines miteinander gemeinsam: den Baustoff Holz und die sich aus ihm ergebenden baulichen Möglichkeiten und Grenzen.
Anders als etwa bei den norwegischen
Stabholzkirchen, bei denen alle tragenden Teile der Konstruktion
senkrecht stehen, werden bei den Kirchen der Karpaten die Balken in der
Regel in Blockbauweise, also waagrecht, übereinander gelegt.
Daraus ergeben sich Grenzen für die
Raumgrößen, die dadurch überwunden werden,
dass man mehrere Räume miteinander verbindet und ihnen
unterschiedliche liturgische Bestimmungen zuordnet. Im
Außenbau ergibt diese Raumfolge das malerische Bild eines
Gruppenbaus, dessen Teile je nach der Tradition, in der der Bau steht,
unterschiedlich geformt und akzentuiert sind.
Seit dem 19. Jh.
ist der Holzbau auch in Osteuropa gegenüber dem Steinbau in
die Defensive geraten. Immer mehr dieser charakteristischen kleinen
Kirchen werden aufgegeben, dem Verfall überlassen oder gar
abgerissen. Wirtschaftliche Not lässt dem Staat meist nur
wenig Spielraum, sie als Baudenkmäler unabhängig von
ihrer Nutzung zu sichern und zu erhalten. Kirchen, in denen noch
Gottesdienst stattfindet, leiden nicht selten unter den Folgen gut
gemeinter, aber fachlich nicht korrekter Modernisierung.
Eine Empfehlung von ICOMOS
(Internationaler Rat für Denkmalpflege und fachliches
Beratungsorgan des Welterbekomitees für Kulturerbe)
aufgreifend, hat sich die Deutsche Stiftung Welterbe mit Experten der
Polytechnischen Universität Lemberg darauf geeinigt, sechs im
ukrainischen Teil der Karpaten gelegene Kirchen aufzumessen und
wissenschaftlich zu erforschen. Ihre Eintragung in die ukrainische
Tentativliste der Kultur- und Naturgüter, die der UNESCO zur
Aufnahme in die Welterbeliste vorgeschlagen werden sollen, ist bereits
erfolgt.